Zusammenfassung

Für ein verbessertes Verständnis der Usability von Annäherungserkennung und zur Überprüfung der Mindestgrößen von Bedienelementen wurde eine Studie mit 18 Testpersonen durchgeführt. Die Testpersonen absolvierten dazu zwei unterschiedliche Tests auf einem Smartphone mit integrierter Annäherungserkennung und der dazugehörigen Testanwendung. Durch mehrmalige Wiederholungen der Aufgaben unter Veränderung der jeweiligen Zustände der Annäherungserkennung wurden anhand der erhobenen Daten die Unterschiede mehrerer Parameter bestimmt. Es konnte gezeigt werden, dass die Annäherungserkennung für die Aufgabenerledigung nach Meinung der Testpersonen unterstützend wirkte. Für die üblichen Schaltflächengrößen unterschied sich die Anzahl der verblieben Testpersonen im Test jedoch kaum. Bei aktivierter Annäherungserkennung konnten lediglich bei Schaltflächengrößen zwischen 2,4 mm und 1,4 mm signifikant mehr Testpersonen im Test verbleiben. Weiterhin wurden für jede Testperson die Parameter nach Fitts’ Law ermittelt. Dabei erhöhte sich mit eingeschalteter Annäherungserkennung die Zeitdauer bis zur endgültigen Ausführung einer Interaktion. Bei ausgeschalteter Annäherungserkennung war die Zeitdauer am geringsten und während der aktivierten Selektionshilfe am größten. Die Zeitdauer war zwischen der eingeschalteten Annäherungserkennung und der aktivierten Selektionshilfe, sowie zwischen der ausgeschalteten und der eingeschalteten Annäherungserkennung
signifikant.

Motivation

Smartphones und vergleichbare mobile Endgeräte besitzen geringe Bildschirmflächen und werden mittels der Finger bedient. Dies führt unter Umständen zu einem Fat-Finger Problem (Verdeckung der Bedienelemente) oder der Finger definiert eine unpräzise Berührungsfläche. Eine bisherige Lösung sind Leitfäden mit Mindestgrößen durch die Hersteller. Ließe sich mittels der Annäherungserkennung die Fehlerrate der Interaktionen auch bei kleinen Schaltflächen gering halten? Würde sich die Geschwindigkeit der Interaktion mittels Annäherungserkennung erhöhen? Kann die Annäherungserkennung helfen, bestimmte Einträge in Tabellenlisten schneller aufzufinden?

Methodik

Getestet wurden 18 Testpersonen beider Geschlechter (ausgewogen) im Alter zwischen 20-35 Jahren (med: 23, Ø: 25,6). Das Umfeld der Testperson charakterisiert sich zum überwiegenden Teil studentisch bzw. universitär. Die Testpersonen haben in der Regel gute Erfahrungen mit Laptops, Smartphones und ähnlichen Geräten. Die Testumgebung besteht aus einer Testanwendung (2 Tests mit 2 bzw. 3 Testvarianten) und einem Testgerät. Die Fragebögen setzen sich aus Personenfragebogen, System Usability Scal und einem zusätzlichen Fragebogen (frei formulierbare Antworten) zusammen. Beim ersten Test (Listenauswahl) war das Ziel, die Wirkung der Hervorhebungen der Listeneinträge bei Annäherung in Hinsicht auf die Geschwindigkeit zu überprüfen. Beim zweiten Test (Präzisionstest) ging es darum, die Wirkung der Hervorhebungen von Bedienelementen bei Annäherung in Hinsicht auf die Geschwindigkeit und Genauigkeit überprüfen. Hierzu wurde ein Testraum während der gesamten Studie geschaffen, der gleichbleibende Bedingungen schaffte. Die Tester wurden begrüßt, es erfolgte eine Aushändigung von relevanten Studieninformationen und des Personenfragebogens. Anschließend wurde eine kurze interaktive Demonstration der Annäherungerkennung geboten. Schließlich kam es zur Ausführung der Testreihen und der Softwarebewertung mittels des System Usability Scale. Mit der Schlussbefragung gemäß des zusätzlichen Fragebogens endete die Testreihe.

Test 1: Listenauswahl Test 2: Präzisionstest
Abhängige Variable Annäherungserkennung Annäherungserkennung, Schaltflächengröße
Zustände der Annäherungserkennung ausgeschaltet, eingeschaltet ausgeschaltet, eingeschaltet, eingeschaltet + Selektionshilfe
Unabhängige Variable Zeit (ms) Gesamtzeit (ms), Zeit (ms), Fehler, Abbrüche

Ergebnisse

Der erste Test (Listenauswahl) fiel nicht signifikant aus und eine Verbesserung durch die Annäherungserkennung konnte nicht bestätigt werden. Beim zweiten Test (Präzisionstest) waren die Unterschiede für Schaltflächengrößen von 10 mm bis 1,4 mm nicht signifikant. Signifikante Unterschiede wurden hingegen bei Schaltflächengrößen zwischen 2,4 mm und 1,4 mm gemessen.

Diskussion

Ließe sich mittels der Annäherungserkennung die Fehlerrate der Interaktionen auch bei kleinen Schaltflächen gering halten? Signifikant mehr Testpersonen konnten mit eingeschalteter Annäherungserkennung die Schaltflächen zwischen 2,4 mm und 1,4 mm korrekt anwählen. 14 von 18 Testpersonen gaben an, dass die Annäherungserkennung die Aufgabe erleichtert hat. Bei großen Schaltflächen ist eine nutzerspezifische Implementation sinnvoll. Würde sich die Geschwindigkeit der Interaktion mittels Annäherungserkennung erhöhen? Die Geschwindigkeit verschlechterte sich mit eingeschalteter Annäherungserkennung in beiden Tests. Im zweiten Test waren die Steigungen der Regressiongeraden mit eingeschalteter Annäherungserkennung signifikant größer als mit ausgeschalteter Annäherungserkennung. Kann die Annäherungserkennung helfen, bestimmte Einträge in Tabellenlisten schneller aufzufinden? Die Messwerte und der System Usability Score deuteten nach der Auswertung auf keine Verbesserungen hin. Schlechtes Abschneiden möglicherweise durch den Testaufbau stark beeinflusst worden. Hervorhebungen irritierten, da mit den Listeneinträgen nicht interagiert werden konnte.

Fazit

Die Annäherungserkennung hat Potential. Eine Verbesserung der Präzision konnte nur bei sehr kleinen Schaltflächengrößen festgestellt werden. Die Geschwindigkeit verschlechterte sich im Rahmen der Studie mit eingeschalteter Annäherungserkennung. Die Mehrzahl der Nutzer hat die Annäherungserkennung angenommen und bevorzugt. Weitere Untersuchungen durch die Forschung wären wünschenswert: Hierzu könnte eine Auswertung der verbleibenden Datensätze erfolgen. Die Selektionshilfe oder die Hardware optimiert werden. Es gibt viele Forschungsperspektiven auf diesem Gebiet.